
Inhaltsangabe
Kritiken
Stabliste
|
Inhaltsangabe
„Liebe Schwester. Ich und andere Patientinnen wurden für den Abtransport zurecht gemacht. Und eine Pflegerin brachte auf meinem Rücken eine Zahl an. Ich wußte zwar nicht, daß ich nach Grafeneck käme. Habe aber als ziemlich sicher angenommen, daß ich mich auf einem Toten-Transport befinde. Wir mußten im Hof in graugestrichene Omnibusse steigen. Und die haben uns nach Grafeneck gebracht. Es waren zahlreiche Wärter zugegen. Ich sah keine Möglichkeit zur Gegenwehr. In Grafeneck mußten wir die Omnibusse verlassen und wurden sofort in eine lange Baracke gebracht. Der Raum war sehr eng und einige Partienten wurden unruhig. Die anwesenden Wärter gaben solchen unruhigen Patienten sofort Spritzen. Aus unserem Warteraum wurden währendessen fortlaufend Patienten weggeführt. Nach einigen Stunden wurde mein Namen aufgerufen.“
Zwischen Juli 1939 und September 40 brachten die "grauen Busse" 510 Menschen der Behinderten-Anstalt Liebenau in die Heil und Pflegeanstalt Grafeneck - angeblich um Platz zu schaffen für Kriegslazarette. Für diese Menschen stellte sich die Heil - und Pflegeanstalt jedoch bald als Hinrichtungsanstalt heraus. Alle fanden dort den Tod. Eine Frau entkam dem Gnadentod, wie die Aktion euphemistisch von den Nazis bezeichnet wurde. Als sie ihren Namen auf der Transportliste erkannte, floh sie in den Wald, bevor die grauen Busse kamen. Sie überlebte. Eine andere mußte für sie in den Tod gehen - die Kapazität der Busse wurde bis auf den letzten Platz ausgenutzt.
57 Jahre später. Die Stiftung Liebenau ist immer noch eine Einrichtung für behinderte Menschen. Jene Frau ist inzwischen gestorben - über ein halbes Jahrhundert litt sie darunter, durch ihr Handeln die Schuld am Tod der Anderen auf sich geladen zu haben. Jugendliche Bewohner aus der Stiftung Liebenau haben die Geschichte aufgegriffen, um ein Theaterstück daraus zu machen. Sie haben verändert und dramatisiert, doch im Kern erzählen sie die wahre Begebenheit.
Kritiken
Werner Bartens – FAZ 10.11.97
Marcus Vetter Film beschreibt auf eindringliche Weise die Euthanasieverbrechen an psychisch kranken Menschen. Sein Beitrag erzielt durch die echohafte Einblendung von Theateraufführung und Filmdokumenten, unterbrochen von Interviews mit überlebenden Heimbewohnern, eine irritierende Wirkung. Ohne Pathos und vordergründige Empörung entsteht das Bild einer mörderischen Ausgrenzung. Die Behinderten auf der Theaterbühne von heute und die Behinderten auf der Ladebühne von Gestern erzeugen im Film eine gespenstische Parallelität. Die potentiellen Opfer spielen ihre Henker.
Der Spiegel, 8.11.97
Der Film besticht durch die Abwesenheit dröhnender Empörung. Er wirkt weil er leise, fast zärtlich-traurig daherkommt und so die Opfer in den Mittelpunkt stellt. Behinderte, die Zeitzeugen waren, kommen ebenso zu Wort wie junge Mitglieder der Behinderten-Theatergruppe „Chamäleon“, die ein Theaterstück zum Thema Euthanasie entwickelt hat. Es behandelt einen authentischen Fall: Eine Patientin überlebte, weil sie floh. Statt ihrer wurde eine Küpchenhilfe abtransportiert und kam um. Die Gerettete wurde ihr Leben lang von Schuld gepeinigt.
Stabliste
Regie Marcus Vetter
Kamera Gernot Heilemann
Schnitt Peter Pfanner
Format Digibeta
Länge 30min
Produktionsjahr/Sender D 1997 SWR
|